Sonntag, 21. Mai 2017

REZENSION "Der Agent, meine Tochter & Ich" von Jana Herbst



Seitenanzahl: 372

Preis: 4,99 EUR [E]; 12,99 EUR [P]

ISBN: 978-3-426216217

Verlag: feelings

erschienen: März 2017 



Kurzbeschreibung:

Sarah Wagner ist Anfang dreißig, zuverlässig, solide und berechenbar. Eigenschaften, die sie sich mit einem Baumwollschlüpfer teilt. Aber das stört sie nicht, denn sie liebt ihr beschauliches Leben als Alleinerziehende - Abwechslung und Abenteuer meidet sie genauso wie Clubnächte und Affären. Und doch lässt sie sich von ihren Freundinnen in einen Club schleifen, in dem sie Lars kennenlernt. Sie verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit ihm, nach der sie sich heimlich aus seiner Wohnung schleicht, um in ihr ruhiges Leben zurückzukehren. Vier Wochen später gerät alles außer Kontrolle: Lars, ihr One-Night-Stand, taucht auf, offenbart ihr, dass er Geheimagent ist und bringt Chaos in ihr Leben. Dann wird es plötzlich ernst, denn Sarah steckt unwissend in Lars' Mission. Tiefer und gefährlicher als beide ahnen....



In Sarah erkennt man sofort eine Löwen-Mutter. Obwohl sie alleinerziehend ist, managt sie den Alltag. Sie hat eine ruhige und zuversichtliche Art, die es ihr ermöglicht Hürden zu überwinden, die anderen Sorgen bereiten würden. Sie hat hohe Ansprüche an sich, die vor allem daher rühren, ihrer pfiffige Tochter, trotz des fehlenden männlichen Parts, eine tolle Kindheit zu schenken und erfüllt diese Rolle zugleich mit einer Vorbildfunktion. Sie war früh auf sich alleine gestellt und musste Kind und ihre Zukunftsvision unter einen Hut bekommen. Was sie in dieser Zeit alles erreicht hat und das vor allem eigenständig, finde ich sehr bewundernswert.

Lilly ist ein kleiner Sonnenschein, die das Bild einer sieben jährigen vollkommen erfüllt, darüber hinaus jedoch ganz schön gewitzt, intelligent und ebenso eifrig wie ihre Mutter ist. 

Mit ihrer kleinen Tochter Lilly an der Seite, ist Sarah vor allem eins: strukturiert. Ein tolles Mutter-Tochter-Gespann, in deren Beziehung ein Mann nicht fehlt. Zumindest so lange nicht, bis eine feucht fröhliche Nacht ausartet, der Sarah nur aufgrund der Drängelei ihrer Freundinnen zugestimmt hat, denn Sarah nimmt die Verantwortung für Lilly sehr ernst und jede Situation lässt erkennen, dass die junge Kuratorin des berliner Museums ihre Entscheidungen mit Bedacht fällt, das Wohl ihrer Tochter immer im Hinterkopf.


Auch wenn Sarah Wagner eine härtere Gegenspielerin war, als Tim es jemals sein würde, hätte sie keine Chance zu bestehen, denn ihr fehlten die Grausamkeit und die Entschlossenheit.

Zufall und Schicksal fügen sich hier ineinander, den gedankenbeherrschende Handwerker steht wenige Wochen später wieder vor ihr und darüber hinaus noch jede Menge Chaos in das organisierte Leben der jungen Frau. Eine erfrischende Wendung, die wie man Sarah anmerkt, auch ihr recht gut gefällt. Ein Tatbestand hingegen bereitet ihr Kopfschmerzen, denn der als Handwerker getarnte Geheimagent verfolgt eine Mission in der sie auf einmal auch eine Rolle spielt. Ob das so eine gute Idee ist, wenn zumindest von einer Seite Gefühle mit im Spiel sind? Und wie groß ist die Gefahr, die Lars nicht nur Sarah, sondern unter Umständen auch Lily aussetzt?

Manchmal glaubt man, dass Leben welches man führt sei erfüllend und gut, bis wir etwas erleben, was uns vor Augen führt, dass man doch etwas vermisst. So war es auch bei Sarah, denn die Nacht mit Lars bringt ihr Gedankenkarussell in Fahrt. Doch was hat dieser Mann an sich, dass sie ausgerechnet ihn nicht mehr aus dem Kopf bekommt?


>>Hat deine Mutter dich geliebt?<< [...] >>Nein.<< >>Das ist traurig<<, sagte sie und stieg aus. >>Dafür liebe ich dich.<< Lars blieb stehen. Wie vom Donner gerührt. Lilly sah in mit großen Augen offen und entwaffnend an. Sarah hatte Recht. Lilly verschenkt ihr Herz schnell, und es war nicht fair von ihm, es zu nehmen, denn selbst wenn er aus der Organisation ausstieg, war er niemand, der für Lilly sorgen konnte. Er hatte den anderen Mädchen gerade Cola gegeben, weil sie ihm auf den Sack gingen. Ein halbwegs verantwortungsbewusster Erwachsener tat so etwas nicht. 

Seitdem Lars eine Rolle im Leben von Sarah und Lilly spielt, erkennt man, dass ein vorher akzeptables Leben im Nachhinein erkennen lässt, wie belastend die gesetzten Grenzen eigentlich wirklich waren. Die Tage gingen ineinander über, jeder schien, wie der davor zu sein. Strukturiert zu sein ist gut, doch nimmt einem diese Einstellung auch jegliche Möglichkeiten auszubrechen. Man fühlt sich eingeengt und hindert sich selbst daran, seine Träume und Wünsche zu verfolgen. Ich glaube jeder von uns weiß, wie sehr wir an einem geregelten Ablauf hängen. Diese Dinge geben uns das Gefühl von Sicherheit, doch manchmal sind es die spontanen Dinge, die uns überraschen, Abwechslung geben, mit Glück erfüllen und über Jahre in unserem Gedächtnis bleiben. 

Auch für Sarah schien es ein Risiko auszubrechen, doch sie hat den Schritt gewagt ohne zu wissen ob die Vorteile, die Nachteile aufwiegen und ohne zu ahnen, wo sie am Ende stehen wird. Ein Mut den ich bewundere, denn wenn man selbst vor einer derartigen Entscheidung steht, ist es alles andere als einfach eine Entscheidung zu treffen, in der Herz und Verstand miteinander konkurrieren. 



Sarah hat einen strukturierten Tagesablauf, der durch Lars nähere Bekanntschaft gewaltig aus den Fugen gerät. Mit einer Mischung aus Ablehnung diesen Durcheinanders und gleichzeitiger Neugier aus dem fast schon tristen Alltag, entdeckt sie ihre Wünsche und Bedürfnisse. Sie sehnt sich nach Abenteuer und Spannung und erhält mit Lars genau das. Allerdings ist da auch noch ihre Tochter Lilly für die Sarah jedes Opfer bringen würde.

Lars ist der genaue Gegensatz von Sarah. Er lebt jede Situation wie sie sich ihm anbietet: spontan. Ein geregeltes Leben und der Alltagstrott schrecken ihn eher ab, bis die kleine Lilly ihm völlig unverfroren den Blick durch ihre Augen präsentiert. Sein Job hat ab einem gewissen Alter kaum noch eine Zukunft, stattdessen lernt er ein Leben kennen, das ihn früher abgeschreckt hat und seither seine Gedanken beherrscht.


Jana Herbst hat eine erfrischend spannende Erzählweise, die sie mit Humor und Charme perfekt ausgefüllt hat. Ich habe Muskelkater vom Lachen und hatte oft ein Dauergrinsen, bei dem ich nach einiger Zeit das Gefühl hatte, einen Krampf im Gesicht zu bekommen. Die Ehrlichkeit von Lilly ist so locker flockig und authentisch wie man es aus dem wirklichen Leben kennt. Kinder erklären uns die Welt und schenken uns einen anderen Blickwinkel auf Geschehnisse oder die Ansichten, die Lars und Sarah hier seit Jahren verfolgen. Während es die Protagonisten anfangs nicht schaffen, über den Tellerrand zu gucken, hat die kleine Eisprinzessin einen ungetrübten Blick auf die vor ihr liegende Welt. 

Ein wie ich finde sehr interessantes Phänomen, denn Kinder nehmen das Leben mit Leichtigkeit. Sie machen einfach, reden wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und überanalysieren die Situation nicht. Hier stehen sich Erwachsene oft selber im Weg. Eine Leichtigkeit, die sich mit der Zeit verliert und gerade deshalb so kostbar ist, diese hier im Verlaufe der Geschichte miterleben zu können, ebenso wie den sichtbaren Einfluss Lillys auf Sarah und Lars.

Mit Sarah und Lars treffen zwei Menschen aufeinander, deren Alltag nicht gegensätzlicher sein könnte, was von vorneherein eine eher zum Scheitern verurteilte Verbindung anmuten lässt. Lilly hingegen fungiert als Bindeglied, die mit ihrer sorglosen Art viele Situationen "aufklärt" und unseren Protagonisten vor Augen führt, dass ein gesetzter Rahmen in manchen Lebensbereichen sinnvoll sein kann, dieser jedoch keine unverrückbare Barriere darstellen sollte, die einem daran hindert, sein Leben zu leben.  

Eine wunderschöne Geschichte, deren Protagonistin im Laufe einer spannenden Mission den Weg zu sich finden und Wege beschreiten, die sie zuvor nie in Erwägung gezogen hätten.




Über die Autorin:

Jana Herbst ist das Pseudonym von Claudia Giesdorf, die 1982 in Rheinland-Pfalz geboren wurde. Eine ihrer schönsten Kindheitserinnerungen ist das Klackern der Schreibmaschine, wenn ihr Opa etwas darauf geschrieben hat. Stundenlang stand sie vor dem Gerät, tippte wahllos auf Buchstaben und stellte sich vor, Schriftstellerin zu sein. Seit über zwanzig Jahren lebt sie nun in Berlin, mittlerweile mit Mann und Tochter, nach deren Geburt sie beschlossen hat, noch einmal zu studieren. Nun schließt sie bald ihr Studium der Klassischen Archäologie ab und weiß ziemlich genau was sie schreiben soll, wenn eine Tastatur vor ihr steht.

feelings -



Weitere Bücher der Autorin:



"Highheels, Herz & Handschellen"





Danke!
Jana Herbst

Freitag, 12. Mai 2017

HÖRBUCH audible



Hörbuchlänge: 11 Std. 11 Min.



Die Welt der Bücher bietet uns zahlreiche Möglichkeiten und das nicht nur im Bereich der verschiedensten Genre, sondern auch in den Ausgabeformen. Von der Print-Version (Hardcover, Paperback & Taschenbuch) über E-Books, bis hin zum Hörbuch.  


Hörbücher? Ja oder nein? Lieber selber lesen? 



Mit der Vorliebe zum Papier war schon das E-Book damals ein "No-Go" für mich, denn ich war der festen Überzeugung, dass ich nicht auf den Geruch eines neuen Buches verzichten kann, ebenso wenig, wie auf das Gefühl, dass das Buch immer dünner wird und sich dem Ende zuneigt. Diese mir selbst gesetzte Grenze, habe ich dann nach einiger Zeit doch verworfen, denn wie sich herausgestellt hat, hat so ein eReader auch viele Vorteile.



Ebenso wie ich anfangs den E-Books ablehnend gegenüberstand, hat sich auch meine Begeisterung für Hörbücher in Grenzen gehalten, denn die Liebe zum geschriebenen Wort, schien mir nicht dasselbe zu sein, wenn man den Inhalt vorgelesen bekommt, zumal diejenige Person wahrscheinlich auch einen anderen Lesefluss hat bzw. Sachverhalte anders betont, als man selber es vielleicht tun würde.



Doch wie kann ich mir erlauben etwas als "nicht meins" abzutun, wenn ich es nicht mindestens einmal ausprobiert habe? Und wie könnte das besser klappen, als  einen Vergleich durchzuführen?



Mit der akustischen Version des Buches von audible "For 100 Days - Täuschung" von Lara Adrian habe ich den Versuch gewagt, denn dieses Buch habe ich erst vor kurzem verschlungen. Ein toller Reihenauftakt, der mich sehnsüchtig auf die Fortsetzung warten lässt.



11 Stunden und 11 Minuten haben mir vor Augen geführt, was mir die Wochen und Monate zuvor entgangen ist. 


Meine Ängste und Befürchtungen zuvor waren,
dass ...:
  • ... mir die "Lesestimme" nicht gefallen könnte
  • ... mir der Inhalt einfach stur runtergelesen wird und sich so weder die Charaktere,            noch die emotionalen Momente herauskristallisieren
  • ... mir Spannungswellen und damit auch der Nervenkitzel entgeht
  • ... romantische Augenblicke und das Gefühl der Annährung, nicht in der                               vergleichbaren Intensität auf den Leser übergehen, wie es der Fall ist, wenn man           selber liest.
Befürchtungen, die sich, wie ich nun herausgefunden, nicht erfüllt haben. Im Gegenteil.

Dagmar Bittner hat das Buch in eine akustische Abenteuerreise verwandelt, die dem eigenen Lesen in nichts nachsteht. Viel mehr hatte ich das Gefühl, dass die Emotionen und Gefühle hier noch viel früher durchklingen und uns so länger auf dem Hochgefühl tragen, uns Spannungswellen schon in ihrem Aufbau ein gespanntes Prickeln ermöglichen und die Romantik und Sinnlichkeit aufgrund der Betonung und Veränderung der Stimmlage noch viel intensiver erscheinen.

Auch die "Eigeninterpretation" wird uns hier nicht genommen, oft erschien es mir so, als würde die lebendige Erzählweise das eigene Kopf-Kino noch mehr auf Hochtouren bringen.

Stellt euch vor, ihr lest gerade ein Buch, welches euch so sehr fesselt, dass ihr am liebsten gar nicht aufhören wollt zu lesen - .... das passiert mir relativ häufig ... - und der Alltag funkt dazwischen und ausgerechnet an der spannendsten Stelle heißt es Buch aus der Hand legen und die bevorstehenden Aufgaben meistern.
  • spülen
  • kochen
  • putzen
  • Auto fahren
Diese alltäglichen Dinge hindern uns daran, täglich Bücher wie am Fließband zu verschlingen, denn das würde zumindest ich sehr gerne ^^ audible hingegen gibt uns mit den Hörbüchern die Möglichkeit, in jeder der vorgenannten Situationen trotzdem seine Neugier zu stillen. So kann man das angenehme mit dem nützlichen verbinden und die Zeit vergeht auch viel schneller ;)

Oder was sich jetzt auch immer besser anbietet: Nach draußen gehen, ein Sonnenbad nehmen, die Augen schließen und der Stimme lauschen, die uns in andere Sphären leitet.

Auch die Klangfarbe der Lesestimme hat mich positiv überrascht. Hier wird mit Leidenschaft gelesen und der Inhalt spürbar nach außen getragen. Mein erster Exkurs in die Welt der Hörbücher, der Lust auf mehr gemacht hat =D

Versucht es doch auch einmal. Alle Vorurteile über Bord und Herz offen für neue Schätze <3
Audible bietet uns eine riesen Auswahl und führt uns die liebe zum Buch auf einem neuen Weg vor Augen <3





Donnerstag, 4. Mai 2017

REZENSION "For 100 Days - Täuschung" von Lara Adrian


"For 100 Days: Täuschung"

Seitenanzahl: 379

Preis: 8,99 EUR [E]; 10,00 EUR [P]

ISBN: 978-3-8025-9821-0

Verlag: Lyx

erschienen: April 2017 



Kurzbeschreibung:


Jede Täuschung hat ihren Preis ...

Drei Monate Housesitting in einem Luxus-Apartment in Manhattan – die Künstlerin Avery Ross kann ihr Glück kaum fassen, schlägt sie sich doch gerade so mit ihrem Kellnerjob durch. Avery betritt eine Welt der Dekadenz, die ihr den Atem raubt – die Welt von Dominic Baine: reich, arrogant und absolut unwiderstehlich. Der Milliardär, der das Penthouse im selben Gebäude bewohnt, erweckt ungeahnte geheime Sehnsüchte in ihr. Doch die Schatten ihrer Vergangenheit drohen Avery schon bald einzuholen und jegliche Hoffnung auf eine Zukunft mit Nick zu zerstören ...



Ich glaube, jeder von uns kennt den Ehrgeiz, alles alleine schaffen zu wollen, die Anforderung an sich selbst, jede Hürde meistern zu können. Avery ist dieses Verhalten ganz klar anzumerken, denn sie sträubt sich nicht nur gegen jegliche Hilfe, sondern bei ihr habe ich auch das Gefühl, dass sie eine derartige Bitte ihrerseits als Schwäche ansehen würde.

Nicks erste Erscheinung war - ich will nicht sagen angsteinflößend - aber doch eine Mischung aus kühler Distanziertheit bis hin zu Ablehnung, die mich haben schaudern lassen. Obwohl ich die Zeilen nur gelesen habe, so habe ich mich von seinem Blick eingeschüchtert gefühlt. Doch noch viel interessanter ist die Konversation der beiden auf der Ausstellung von Dominion: Das Bild "Schönheit", welches wirklich eindrucksvoll beschrieben wird, erweckt das Gefühl, dass man als Leser selber die Möglichkeit erhält, einen Blick auf diese gewaltige Ausstrahlung zu werfen. Die Ehrlichkeit von Avery, dass sie nicht nur Neid, sondern sogar Hass vor dieser offenkundigen Darstellung und dem Mut dieser Frau empfindet, hat mich sprachlos gemacht, jedoch bei weitem nicht im negativen Sinne. Diese starken Gefühle waren Besonders und die Ehrlichkeit dieser Worte in meinen Augen auch der erste Meilenstein, der zwischen dem augenscheinlich hart gesottenen Mr. Baine und Avery gelegt wurde.


>>Wie ich dir gestern Abend schon gesagt habe ... wenn ich etwas sehe, das ich haben will, greife ich danach.<<

Dominic Baine ist einer der begehrtesten Junggesellen, dessen Geheimniskrämerei um seine Person, die Presse erst recht neugierig macht. Er ist ein Mann mit Geheimnissen und tiefen Wunden, die ihm in der Vergangenheit zugefügt wurden und nach wie vor verfolgen. Avery möchte ihn verstehen, möchte ihn sehen lassen, dass ihr nichts an ihm missfallen würde. Er ist ein Kämpfer, dessen Vergangenheit ihn nichts von seiner Größe kosten würde. Averys Wunsch ist verständlich, Nicks Zurückhaltung ebenso nachvollziehbar, denn das was sich die Kellnerin wünscht, ist das, was sie selbst nicht zu geben bereit ist. Die Schatten ihrer Vergangenheit wecken in ihr die Angst, dass Nick sich - wie einige andere zuvor - von ihr abwenden könnte.

Nick ist eine Nuss, die nicht ganz so schwer zu knacken ist, dennoch flammt sein Abwehrmechanismus in manchen Situationen immer wieder auf, weshalb er Avery auf Abstand zu sich hält. Er widerspricht Averys selbst auferlegten Regeln, niemanden an sich heranzulassen und fordert stattdessen nicht nur ihre Ehrlichkeit, sondern auch ihr Vertrauen und beides kann man nur in Verbindung zueinander geben. Doch wer macht den ersten Schritt und kommt dieser aus freien Stücken?

>>Sie habe ich sofort einschätzen können.<< >>Ja?<< >>Ja, Miss, habe ich. Sie gehören zu den Guten. Ich habe das Gefühl, dass Sie das nicht oft genug gehört haben, aber - erlauben Sie mir das zu sagen - ich glaube, heute brauchen Sie es, dass jemand es Ihnen sagt.<< 


Anders als in ihrer Vergangenheit, ist Nick ein Mann, vor dem sie keine Angst haben muss, jemand, bei dem ihre alten Regeln keine Anwendung finden. Von Anfang an hat er sie in Versuchung geführt, all ihre Regeln zu beugen oder gar zu brechen. Die Kontrolle, die er ausübt, gibt ihr ein Freiheitsgefühl, wie sie es schon lange nicht mehr erlebt hat. Grenzenlos, gespickt mit Gefahr und Risiko deren Zusammenprall etwas weitaus größeres entfacht, als beide es sich zu Beginn hätten vorstellen können.

Schon in jüngeren Jahren, war Nick ein ehrgeiziger Mann, der unaufhaltsam sein Ziel verfolgt hat. Mit dieser Vehemenz bemüht er sich auch um Avery und dass, obwohl er für gewöhnlich immer Distanz wahrt. Es ist spürbar, dass beide aufeinander reagieren und ihre Grenzen - unbewusst - immer weiter ausbreiten. Was Avery dennoch zurückhält, sich vollkommen fallen zu lassen, ist ihr schlechtes Gewissen, denn ihre Verbindung ist von Anfang an auf einem Konstrukt der "geschönten" Wahrheit aufgebaut. 

>>Manchmal ist es schwierig, die Dinge zu sehen, die einen an etwas hindern. Manchmal braucht es einen Schubser, damit man endlich die Augen öffnet.<< 

Avery hat Nick nicht wirklich angelogen, als sie ihm anfangs über sich berichtet hat, sondern die Dinge lediglich sehr oberflächlich beschrieben, wodurch sie bewusst viel Interpretationsspielraum gelassen hat, allerdings hat sie ihn gerade damit auch  manipuliert und eine falsche Fährte gelegt, die man wahrscheinlich doch als Lüge auslegen könnte. Nichts desto trotz kann ich ihre Entscheidung sehr gut nachvollziehen, denn wer bindet einem anfangs fremden Menschen schon alle Details auf die Nase? Hätte sie jedoch im weiteren Verlauf mit der Sprache rausrücken sollen? 

Die Antwort scheint mit "Ja" einfach beantwortet, doch was, wenn die Angst trotz des schlechten Gewissens, welches sichtlich an Avery nagt, doch zu groß ist? Weil man sich nicht vorstellen kann, jemanden zu verlieren, der einem das Gefühl innerer Ruhe und Ausgeglichenheit schenkt, die man für immer verloren geglaubt hat? Würden wir uns an ihrer Stelle in der Lage sehen, alles aufzuklären, wenn diese Offenheit ein aus von allem bedeuten könnte und damit eventuell den eigenen Anker kappen, der einem davor bewahrt abzutreiben? 

>>Ich dachte, du hättest dich mittlerweile angezogen.<< [...] Ich lächle, denn ich bin nicht in der Lage, meine Freude, ihn zu sehen, zu verbergen. >>Ich kann mich jederzeit anziehen. Aber ich weiß nicht, wann ich je wieder die Gelegenheit bekomme, von so einem herrlichen Aussichtspunkt aus zu beobachten, wie die Sonne aufgeht.<< >>Schön, dass du Prioritäten setzt. Kleidung wird sowieso total überbewertet.<<

Wie kann sie ihre Lügen wieder gut machen? Hier hätte ich mit vielem gerechnet: Wut, Enttäuschung ... eben das altbekannte "Schema F", aber nein, er dreht den Spieß einfach um und gerade das ist, was mir auch sehr gut gefallen hat. Dabei fordert er nicht einmal wirklich etwas von ihr, denn abgesehen von ihrer Heimlichkeit war es immer er, der sie über ihre Grenzen getragen und verdeutlicht hat, dass über dem Rand keine bodenlose Schlucht auf sie wartet.

Was hier sehr schön herausgearbeitet und von Nick verdeutlicht wurde, ist die Macht der Kunst. Avery hat ein Abbild der Dinge gezeichnet, die sie vor Augen hatte, doch Kunst ist eine eigene Interpretation. "Abmalen" kann jeder, doch seine eigenen Gefühle mit etwas zu verschmelzen und diese hervorzuheben ist nochmal was ganz anderes. Für Avery lange Zeit ein Ding der Unmöglichkeit, denn zu fühlen würde bedeuten, sich zu erinnern, den Schmerz zuzulassen und das Geschehene zu verarbeiten und dazu gehört vor allem Ehrlichkeit. Nicht nur zu Nick, sondern auch sich selbst gegenüber.

Ein unbekannter Anrufer stellt Averys Versprechen von Ehrlichkeit an Nick unmittelbar auf eine harte Probe. Wer ist der Unbekannte und wie groß ist die Gefahr, die von ihm ausgeht?



Averys Miene strahlt Selbstvertrauen aus und liegt wie eine unverrückbare Maske auf ihrem Gesicht. Schon vor langer Zeit hat sie gelernt, dass Hilfe nie umsonst ist und seinen Preis hat, egal, ob man ihn sieht oder nicht. Und gerade die Leute, die behaupten, sich die größten Sorgen um einen zu machen, können sich im Bruchteil einer Sekunde gegen einen wenden. Geprägt von diesen Erfahrungen, wahrt sie Nick gegenüber immer Distanz. Sich ihm gefühlsmäßig zu nähern ist ein Risiko, welches sie nicht bereit ist einzugehen, allerdings macht es ihr Nick nicht gerade einfach, an diesen Vorsätzen festzuhalten, denn in ihm vereint sich all das, was Avery sich immer gewünscht hat.

Nick hütet ebenso wie Avery Geheimnisse, die er unter Verschluss halten möchte. Er lässt nicht zu, dass andere Einblicke in sein Innerstes bekommen und versuchen sie es dennoch, lässt er denjenigen sofort fallen und verbannt diesen aus seinem Leben. Obwohl sich Avery Stück für Stück vorwagt und Fragen stellt, so verfährt er mit ihr ganz anders. Bei gewissen Themen setzt er eine eiserne und kühle Maske auf, die ihn schroff erscheinen lässt, doch auch er ist zu sehr von ihr fasziniert um einen Strich unter ihre Verbindung zu ziehen, die noch so viel mehr bereitzuhalten scheint.


Lara Adrian ermöglicht uns mit dem Start in die Geschichte direkt einen ehrlichen Blick auf den Gemütszustand unsere Protagonistin Avery - eine Mischung aus Angst, Hoffnung, Zuversicht und die gleichzeitige Hilflosigkeit - die mich gleich eine Verbindung zu der jungen Frau haben aufbauen lassen. Eine junge Frau, die trotz aller Hürden nicht den Mut verloren hat, für sich zu kämpfen. Sie verfolgt eine Auffassung, die ich bewundernswert finde: Sie möchte ihre Probleme selber bewältigen und nicht auf Hilfe anderer angewiesen sein. Ein hoher Anspruch, dem sie sich selber aussetzt und von Ehrgeiz zeugt, allerdings ist es keine Schande oder ein Zeichen von Schwäche, sich von Freunden oder Familie helfen zu lassen, zumal Avery ebenfalls jemand ist, der sofort alles stehen und liegen lässt um sich um ihre beste Freundin Tasha zu kümmern.

Die Autorin hat mit dem Kunstwerk "Schönheit" hier eine - wie ich finde - ganz besondere Symbolik geschaffen. Das Bild zeigt eine Frau, deren Körper sich in zahlreichen Glassplittern spiegelt. Eine Frau, die von ihrer Krankheit gezeichnet ist und die aufgrund ihrer erkennbaren Willenskraft und Stärke und trotz der durchschimmernden Angst in ihren Augen, eine Schönheit ausstrahlt, die eine Interpretation dieses Wortes zulässt, welche man wohl nie in Betracht gezogen hätte. Die Bruchstücke symbolisieren den inneren Aufruhr dieser Frau, während die Frau selbst nur eine Fassade erkennen lässt. Dieses Kunstwerk erlaubt uns, die Frau nicht nur äußerlich zu betrachten, sondern auch in ihr Innerstes zu blicken. Die bildhafte Beschreibung hat diese Wirkung für mich greifbar gemacht, so, als stünde ich selbst in der Galerie und würde dieses Bild auf mich wirken lassen.

Das Gefühl von Ruhe und Gelassenheit, welche Avery und Nick verspüren, wenn sie Zeit miteinander verbringen, nehmen beide lange Zeit gar nicht bewusst war, bis sie an den Punkt kommen, dass sich der Gedanke an eine Zeit ohne den anderen unvollständig anfühlt. Eine Symbolik, die mir sehr gut gefällt, denn wie oft im Leben habe ich selbst schon festgestellt, dass man erst realisiert, wie wichtig etwas oder jemand einem ist, wenn man ihn bereits verloren hat. Zu oft leben wir nur im Hier und Jetzt und übersehen die scheinbaren Kleinigkeiten, die für unsere Zukunft von großer Bedeutung sind und diese Wahrnehmung und Verlagerung der Umstände bekommen wir eindrucksvoll vor Augen geführt.

Lara Adrian gibt uns hier eine ganz wichtige Botschaft mit auf den Weg: Es wird immer etwas geben, wovor man im Leben Angst hat, außer, man findet den Mut, die Augen zu öffnen.

Ein wundervoller Reihenauftakt, dessen Fortsetzung ich voller Vorfreude entgegenfieber.





Über die Autorin:

Lara Adrian lebt mit ihrem Mann in Neuengland. Seit ihrer Kindheit hegt sie eine besondere Vorliebe für Vampirromane. Zu ihren Lieblingsautoren zählen Bram Stoker und Anne Rice.

- Lyx -


Bücher der Reihe:
Die 100-Reihe

Band 1: "For 100 Days - Täuschung"
Band 2: "For 100 Nights - Obsession"     erscheint am 25. August 2017
Band 3: "For 100 Reasons - Enthüllung" erscheint am 21. Dezember 2017





















Weitere Bücher der Autorin:
"Midnight Breed"

Band 1: "Das Sehnen der Nacht"
Band 2: "
Versprechen der Nacht"
Band 3: "
Berührung der Nacht"
Band 4: "
Verlockung der Dunkelheit"
Band 5: "
Pakt der Dunkelheit"
Band 6: "
Ruf der Versuchung"   erscheint am 21. Juli 2017































Weitere Bücher der Autorin findet ihr hier: *Klick*


Danke!